»Halbe Stunde« - Ausstellung in der Galerie Markt 21 in Weimar

16. November 2016 Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Claudia Nenninger, Vorstand des AIDS-Hilfe Weimar und Ostthüringen e.V.

Claudia Nenninger während ihrer Rede

Herzlich Willkommen liebe Freundinnen und Freunde des C.Kellers!

Halbe Stunde,

halbe Treppe,

halbe Sache...so klingt es im Namen der Ausstellung, welche in den nächsten Wochen, traditionell initiiert von der Aids Hilfe Weimar & Ostthüringen die Galerieräume hier beleben wird. Die Fotoreihe der Kulturwissenschaftlerin Tanja Birkner, Baujahr 1971, gibt einen Einblick in das besagte älteste Gewerbe der Welt – die Prostitution, oder modern – die Sexarbeit.

SEXUALITÄT kann Freude, Spaß, Geilheit und Entspannung sein. SEX ist aber auch ein Geschäft, da geht es um Ware gegen Geld, da spielen Effizienz, Stigmatisierung, Gesundheitsrisiko, Ekel und Zwang auch eine Rolle.

Tanja Birkner stellt in ihrer Ausstellung den Menschen in den Mittelpunkt des Treibens. Bunt sind ihre Zugänge zum Job, vielfältig die persönlichen Geschichten, die dahinter stehen. Nicht viele, aber Gemeinsamkeiten sind vorhanden. Und eine Veränderung für alle in diesem Gewerbe wird kommen, und zwar diese: Der Bundestag hat am 07. Juli dieses Jahres mit der Mehrheit der Koalition das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz verabschiedet. Der Bundesrat im September dann den Weg dafür frei gemacht. Und vor einigen Tagen kam dazu das Bündel an Maßnahmen, welches die Prostituierten umfassend schützen soll, so unsere Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig von der SPD. Die Maßnahmen sollen dazu beitragen, Gewalt, Ausbeutung und Zwang in diesem Berufszweig zurückzudrängen.

Das schreit nach Kontroverse in der Diskussion, und die Opposition wie auch Betroffenenverbände proklamieren das Gegenteil.

Aber nun mal langsam, ich will Sie und Euch am Freitag Abend nicht überfordern. Wie mich, als ich die Gedanken für heute Abend zu sammeln versuchte. Und das kam so. Klar habe ich einen Hauch der Ahnung, worum es bei der Sexarbeit geht. Aber welchen Zugang habe ich? Beruflich mit Schnittmenge im Aidshilfe-Kontext, aber das nun seit fast 15 Jahren aus dem Ehrenamt heraus. Nennen wir das mal: „aus der zweiten Reihe geschaut“. Persönliche Berührung nur die, des knappen voyeuristischen Ausfluges nach dem Mauerfall, als ich mit einem Studienkollegen die ersten 50 Pfennige echten Geldes in den Schlitz einer Peepshow in West-Berlin steckte. Ist nicht viel, ich weiß. Also nehme ich Sie jetzt mit, gemeinsam einen theoretischen Blick in die kommenden Rahmenbedingungen und somit die Arbeits- und Lebensbedingungen der Portraitierten zu wagen. Ein paar Beispiele des Maßnahmekataloges per Gesetz, von dem nach Schätzungen 150.000 – 700.000 Sexarbeiter_innen in Deutschlad betroffen sein werden:

  • Eine Meldepflicht soll eingeführt werden. Das gab es zuletzt bei den Nazis 1939.

Diese diskriminierende Maßnahme schränkt berufliche Mobilität ein, gibt den Freibrief für jederzeit durchführbare, anlasslose Überwachung und beschert zudem noch einen stigmatisierenden Hurenpass.

  • Eine verpflichtende Gesundheitsberatung in den Gesundheitsämtern jährlich, für die 18- bis 21-Jährigen sind kürzere Intervalle geplant.

Nun will ich nicht zynisch werden, aber wer bitteschön soll diese Beratung, davon abgesehen dass Pflicht im Sinne einer eigenverantwortlichen Gesundheitssorge kontraproduktiv wirkt und die erreichten Erfolge in der Aufklärungsarbeit über HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten ignorieren, leisten? Die Damen und Herren vom Amt? Dafür reicht, beim besten Willen, meine Vorstellungskraft nicht aus.

  • Eine Kondompflicht wird eingeführt. Bei Nichtbenutzen (anal, vaginal und oral) können Strafen auf Freier bis zu 50.000 € zukommen.

Wenn es nicht so ernst an dieser Stelle wäre, würde ich jetzt herzlich lachen. Welches Kontrollsystem geisterte da in den Theoriegespinsten unserer Abgeordneten rum? Hier fällt mir das Sender – Empfänger – Modell ein. Totale Katastrophe.

  • Freiheitsstrafen zwischen drei Monaten und fünf Jahren für die Konsumenten, die wissentlich die Dienste von Zwangsprostituierten in Anspruch nehmen.

Auch das noch. Nun wird mit dem heeren Ziel, den Menschenhandel zu bekämpfen ein Vorschlag gemacht, der, mit Verlaub, mit vernünftigen Menschengedanken und -handeln wenig gemein hat.

Ich möchte an dieser Stelle mit den Beispielen aufhören. Sie gereichen dazu, eine Vorstellung zu entwickeln, was kommen soll. Und da ich Optimistin bin, freue ich mich, mit einem positiven Ausblick in die Zukunft, Sie über Folgendes zu informieren:

  • Einer der Interessenverbände der Prostitituierten in Deutschland, Dona Carmen e.V., mit Sitz im Frankfurter Rotlichtmillieu, hat den RA und Richter am Berliner Landesverfassungsgericht, Meinhard Starostik, damit beauftragt, eine Verfassungsklage gegen das „Prostituiertenschutzgesetz“ auszuloten. Ein erstes Treffen mit Starostik gab es. Nächsten Monat soll der Entwurf einer Verfassungsklage gegen das Eingreifen auf Grundrechte vorliegen. Der Kampf geht weiter, auf vielen Ebenen. Ich hoffe, dass ich einiges Provokantes für den Nachgang losgeworden bin.

Nun möchte ich gemeinsam mit Euch und Ihnen in den Abend gleiten, in die Persönlichkeit der Bilder, die in ihrer Behutsamkeit die Würde der Menschen dahinter gewahrt hat und ihnen damit heute und hier als gleichberechtigte Nachbarn unter uns einen angemessenen Raum geben.

Danke an Udo Hemmann, der uns nicht zum ersten Mal wunderbar untermalt.

Uns allen und denen da draußen wünsche ich einen schönen Abend!

Standort

C.Keller & Galerie Markt 21
Markt 21
99423 Weimar
Deutschland
50° 58' 51.5856" N, 11° 19' 25.1076" E

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