„Aids ist auch nicht das, was es mal war“

8. Mai 2018 Die Praktikantin berichtet

Unter diesem Titel führte Andreas Willing von der AIDS-Hilfe Weimar & Ostthüringen e.V. einen Workshop am Marie-Curie-Gymnasium in Bad Berka durch. Eingebettet in den Projekttag „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ konnten sich Schüler*innen aus den 8ten bis 12ten Klassen in verschiedene Workshops einwählen, ihr Wissen in unterschiedlichsten Bereichen ausbauen und miteinander in den Dialog treten – eine gute Methode, um der Entstehung von Vorurteilen entgegenzuwirken. Auch die Praktikantin der AIDS-Hilfe Jana Mathes war mit von der Partie und berichtet im Folgenden von diesem spannenden Vormittag.

 

Zu Beginn gab es einige Startschwierigkeiten, da wir uns nach punktgenauer Landung in einem leeren Physiksaal voller fest installierter Tische mit der Frage konfrontiert sahen: Wie sollen wir hier einen Stuhlkreis aufbauen? Zusätzlich spielte die Technik ein paar unlustige Streiche und die Teilnehmenden ließen auf sich warten – es würde am Ende doch nicht etwa gar niemand auftauchen? Doch die Katastrophe wurde abgewandt und so erschienen ein paar sehr zuvorkommende Mitglieder des Organisationsteams um uns in den richtigen, stuhl-be-kreisten, mit interessierten Schüler*innen befüllten Raum zu geleiten.

 

Der Theorieinput konnte beginnen und so tauchte Andreas Willing direkt in die Materie ein – was ist HIV überhaupt, was ist der Zusammenhang zwischen HIV und AIDS, warum sollte man das wissen? Doch der Vortragscharakter sollte nicht lange währen und als es um sexuell übertragbaren Infektionen und die Übertragungswege von HIV ging, waren die Schüler_innen gefragt. Einige neugierige Blicke und Getuschel hinter vorgehaltener Hand wandelten sich bald in aktive Teilnahme um und die Teilnehmenden brachten es auf den Punkt: Es geht zumeist um Drogen und Sex. Es geht um nicht steriles Drogenzubehör. Es geht um schleimige Körperöffnungen. Vagina, Penis, Anus! Vagina, Penis, Anus![1]  Nachdem das Übertragungsdreieck (infizierte Körperflüssigkeit – Körperöffnung/offene Wunde – Druck/Reibung) also gemeinsam erarbeitet worden war, konnten die Teilnehmenden ihr neu erworbenes Wissen an einer Risikoampel direkt anwenden. Es wurden Piktogramme ausgeteilt, die verschiedene Situationen darstellten. Diese mussten je nach Übertragungswahrscheinlichkeit dem hohen Risiko, dem geringen Risiko oder keinem Risiko zugeordnet werden. Hierbei wurde viel hin und her überlegt und es kam zu einigen interessanten Überlegungen und Diskussionen, wobei sich am Ende trotzdem klar abzeichnete: Zu einer HIV-Infektion kommt es nur in sehr seltenen, spezifischen Fällen, vor denen man sich schützen kann. Und Alltagssituationen sind in dieser Hinsicht komplett risikofrei – sei es Fußballspielen, das Benutzen von öffentlichen Toiletten oder Angeniestwerden. Letzteres ist einfach nur nass und unfreundlich, aber in Sachen HIV unproblematisch.

Nach dieser Übungseinheit folgte wieder ein theoretischer Input, in dem der Verlauf von, Behandlungsmöglichkeiten bei und Schutz vor HIV-Infektionen erläutert wurden Im Anschluss gab es das Wunderpillenspiel, dass die Teilnehmenden vor die Frage stellte: Wenn ich wählen müsste und nur einer einzigen Person ein Heilmittel gegen HIV geben könnte – wem würde ich es geben? Zur Wahl standen sechs hypothetische Personen mit unterschiedlichen Lebensläufen, die einiges an Diskussionsstoff hergaben. Wer verdient eine Behandlung am ehesten? Nach welchen Kriterien kann ich das beurteilen? Aus welchen Gründen ändere ich meine Meinung? Teile ich jemandem die „Wunderpille“ aus Mitleid zu oder verwehre ich sie einer anderen Person, weil ich der Meinung bin, sie sei „selbst schuld“ an ihrem Schicksal? Einige Schüler*innen bezogen sehr klar Position, andere weigerten sich, diese Entscheidung zu treffen. Am Ende stand jedoch die eindeutige Botschaft: Alle Menschen dürfen und müssen medizinisch versorgt werden, egal auf welchem Weg sie sich infiziert haben oder welchen Lifestyle sie pflegen.

 Abrundend zogen wir noch einmal in den Physiksaal um, in dem die vormals streikende Technik auf einmal ganz brav mitspielte. So hatten wir die Möglichkeit einen kurzen Film über die Diskriminierung von Menschen mit HIV im Gesundheitssystem anzuschauen, der eindrücklich die unnötig vorsichtigen bis unverschämt erniedrigenden Verhaltensweisen darstellte, denen sich Menschen mit HIV heutzutage noch oft ausgesetzt sehen. „Passiert sowas wirklich?“. Leider ja.

Alles in allem setzte der Workshop diverse Impulse und bot den Teilnehmenden die Möglichkeit etwas Neues zu lernen, ihr Wissen zu erweitern und ihre eigenen Gedanken und Beurteilungen zu hinterfragen. Diese Möglichkeit wurde zu einem großen Teil genutzt, weshalb ich die Veranstaltung als Erfolg verbuchen würde. Das hat – denn das sollte nicht verschwiegen werden – nicht zuletzt mit dem freundlichen Empfang durch Lehrer_innen und Schüler_innen des Marie-Curie-Gymnasiums und dem fabelhaften Buffet zur Mittagszeit zu tun.

 

[1] In den Tagträumen der Praktikantin rennen die Schüler_innen skandierend durch die Schulflure, Plakate und Fahnen schwenkend, schamlos all ihre Körperteile benennend.