"Es liegt an uns, mit unserer Stimme bei der anstehenden Bundestagswahl für eine offene Gesellschaft zu stimmen"

12. September 2017 Politische Rede unseres Vorstandmitgliedes während der Gedenkfeier für die Rosa-Winkel-Häftlinge

Am 03. September 2017 versammelten sich ca. 70 Menschen in der Gedenkstätte Buchenwald, um der in der Nazidiktatur verfolgten homosexuellen Menschen zu gedenken.

Wir veröffentlichen die Gedenkede unseres Vorstandsmitgliedes Matthias Gothe:

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Werner,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Wolf,

sehr geehrte Abgeordnete,

liebe Anwesende,

der Rosa-Winkel ist ein Symbol – ein Symbol mit erschreckender, grausamer Geschichte und zugleich ein Zeichen für Widerstand und Emanzipation.

Hier, im Konzentrationslager Buchenwald, genauso wie in den anderen KZ‘s trat der Rosa-Winkel erstmals auf – als sichtbare Kategorisierung von Menschen, die nicht in das Schema der völkischen Lehren der Nazis passten: Männer, die andere Männer liebten. Zwischen 10 und 15.000 Rosa-Winkel-Häftlinge wurden in den Konzentrationslagern interniert, ausgebeutet, gefoltert, für medizinische Experimente missbraucht, gequält, ermordet. Die Anzahl homosexueller Opfer insgesamt – also auch homosexueller Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Zeugen Jehovas, vermeintlich Asoziale usw. – entzieht sich der genauen Kenntnis.

Mit dem Stigma des Rosa Winkels an ihrer Jacke wurden die Männer nicht nur zu den schwersten Arbeiten herangezogen. Nein, sie bildeten in der Gefangenenhierarchie auch die unterste Ebene und waren deshalb nicht nur den ständigen Schikanen der Wärter sondern auch dem Spott ihrer Mithäftlinge ausgesetzt. Gewalt und Selbstmord waren an der Tagesordnung.

Verurteilt wurden viele auf der Grundlage eines Tatbestands, den das deutsche Strafrecht bereits seit 1851 kennt. In der durch die Nazis 1935 verschärften Form bestand der Strafrechtsparagraph 175 noch bis 1969 fort. Vollständig gestrichen wurde er erst 1994. So war die Befreiung aus den Konzentrationslagern für die Rosa-Winkel-Häftlinge nicht das Ende eines Leidensweges. Anstatt als Opfergruppe anerkannt zu werden, waren sie weiter Verachtung und Anfeindung ausgesetzt. Einige der homosexuellen Männer wurden nach der Befreiung sofort wieder in Gefängnisse gesteckt, um die verbleibende Haftzeit ihrer Verurteilung nach dem § 175 abzusitzen. Das Morden war also vorbei – die Verfolgung der Opfer hielt aber an – ein unerträglicher Schandfleck deutscher Nachkriegsgeschichte.

In diesem Jahr nun verabschiedete der Deutsche Bundestag einen Kabinettsentwurf zur Rehabilitierung der nach § 175 Verurteilten. EINSTIMMIG entschieden die Abgeordnet_innen, die ergangenen Urteile aufzuheben und die überlebenden Betroffenen zu entschädigen. Dieser historische Schritt der Anerkennung und Aufarbeitung begangenen staatlichen Unrechts wird dabei von einem erneuten unglaublichen Skandal überschattet: In letzter Minute hat die Union die Rehabilitierung eingeschränkt - ausgeschlossen werden nun pauschal diejenigen, deren Partner unter 16 Jahre alt waren - selbst wenn die Handlungen einvernehmlich waren. Bewusst wurde hier ein höheres Schutzalter als bei heterosexuellem Sex gewählt. Welch ein ungeheuerlicher Schlag in das Gesicht der Verurteilten, die damit erneut in die Ecke von Kinderschändern und Vergewaltigern geschoben werden. Soll so würdige Rehabilitation aussehen?

Gedenkorte für die Rosa-Winkel-Häftlinge haben wir uns erstritten, doch wie steht es eigentlich um das Gedenken an die lesbischen Frauen und transsexuellen Menschen an, die ebenfalls von den Nazis verfolgt, inhaftiert und gefoltert wurden? Wir kennen ihre Zahlen nicht, kennen nur wenige Lebenswege, und haben keinen einzigen zentralen Gedenkort. Auch heute noch lebt die Tabuisierung dieser Opfergruppen fort – so verhindert beispielsweise ein heftiger Streit in der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten die Errichtung einer „Gedenkkugel“ an die lesbischen Opfer des Nationalsozialismus im ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück. Mit Entsetzen müssen wir dabei feststellen, dass sich sogar Vertreter lesbisch-schwuler Interessenssvertretung gegen die Initiative stellen und von einer „Legende der Lesbenverfolgung“ sprechen. Dabei vergessen diese Gegner, dass gerade der Rosa-Winkel deutlich macht, dass nicht etwa die Anzahl oder der Organisationsgrad von Verfolgung ausschlaggebend ist, sondern bereits der Glaube an die Unwertigkeit bestimmten Lebens und die damit einhergehende Kategorisierung von Menschen Ausgangspunkt von schrecklichen Gräueltaten ist. Wir hoffen daher, dass das Obdach der Gedenkkugel im Schwulen* Museum nur vorübergehend ist und ein würdiges Gedenken am Ort der Gräueltaten bald schon möglich seien wird.

Nicht nur der Blick in die Vergangenheit ermahnt uns, gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit aufzustehen. Nein, dafür reicht leider zur Zeit schon ein Blick in die Straßen. Im Wald der Wahlplakate der Parteien finden sich auch jene, die Hass verbreiten. Hass gegen Menschen verschiedener Herkünfte, verschiedenen Glaubens, verschiedener sexueller Orientierungen, geschlechtlicher Identitäten und Beziehungsformen.

So freut es uns, dass wir auch in diesem Jahr unsere Gedenkveranstaltung wieder im Rahmen des CSD Weimar veranstalten können, der sich passend das Motto gegeben hat „Akzeptanz und Gleichstellung – WIR HABEN DIE WAHL“: Es liegt an uns, gegen den provozierten Rechtsruck einiger Parteien und Gruppen aufzustehen. Es liegt an uns, mit unserer Stimme bei der anstehenden Bundestagswahl für eine offene Gesellschaft zu stimmen. Es liegt an uns, immer dann aufzustehen, wenn Menschen, weil sie anders sind, diskriminiert werden. Es liegt an uns, nicht denen zu folgen, die von Alternative reden, in Wahrheit jedoch Hass und Ausgrenzung propagieren.

Ich sprach Eingangs vom Rosa-Winkel als Zeichen erschreckender, grausamer Geschichte aber auch zugleich als Zeichen für Widerstand und Emanzipation. So war es BEWUSST das Zeichen  der grausamen nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung, dass sich die Aktivist_innen der Homosexuellenbewegung seit den 1970er Jahren wählten. Auch das erste Schwulendenkmal der Welt, das 1987 eingeweihte Homomonument nahm die Form des Rosa-Winkel auf, ebenso wie viele andere Gedenkorte. In den USA griff die HIV-/AIDS-Aktivistengruppe Act Up den Rosa-Winkel auf und drehte ihn auf den Kopf – das, gleich einem Pfeil nach oben gerichtete Dreieck, sollte den Wunsch ausdrücken, einen besseren Umgang mit AIDS zu erreichen.

All diesen Beispielen gemeinsam ist der Wille nach Sichtbarmachung von Betroffenengruppen selbst sowie der emanzipatorischen Erringung gleicher Rechte. Ein wichtiger Schritt hin zu diesem Ziel, ist die ebenfalls in diesem Jahr beschlossene Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Dieser wichtige Meilenstein, für den so viele Generationen gekämpft haben, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch viele Handlungsfelder bleiben: Die Gleichstellung lesbischer Eltern, die Errichtung eines menschenwürdigen Transsexuellengesetzes, die Abschaffung der weiterhin diskriminierenden Regelungen auch der neuen Blutspenderrichtlinie sind nur drei Beispiele.

Liebe Anwesende,

etwa 650 Rosa-Winkel-Häftlinge waren zwischen 1937 und 1945 im KZ Buchenwald inhaftiert – jeder Dritte von Ihnen überlebte die Qualen nicht. Mit diesem Gedenkstein und unserer Veranstaltung wollen wir die Erinnerung an sie, sowie an alle Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer geschlechtlichen Identität oder ihrer anderen Lebensweise verfolgt wurden, wach halten

Lassen Sie uns nun innehalten und STILL gedenken, der Rosa-Winkel-Häftlinge, der Männer, die litten und starben weil sie lebten, was sie waren.

Wir gedenken der LSBTIQ*-Opfer von Repression und Gewalt in Vergangenheit und Gegenwart, in Deutschland und in der Welt.

Lassen Sie uns in einer stillen Minute

Schweigen

Nachdenken

Fühlen

Trauern

Erkennen

Beten....

 

[SCHWEIGEMINUTE]

 

„Vielen Dank“

 

[KRANZNIEDERLEGUNG]

 

Die gesamte Veranstaltung kann unter folgendem Link ansehen und angehört werden:

https://www.youtube.com/watch?v=EI8iXFKvw6w&t=76s

 

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