Gedenkveranstaltung am Welt-Aids-Tag

1. Dezember 2018 Rede des Projektleiters der AIDS-Hilfe Weimar und Ostthüringen, Edgar Kitter

Sehr geehrte Frau Ministerin Werner,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freund_innen und Freunde*,

ich rede zu Ihnen als Projektleiter der AIDS-Hilfe Weimar und Ostthüringen und als Mensch, der mit HIV lebt.

„Ich bin HIV-positiv.“  Hat Ihnen das schon einmal jemand gesagt? Welche Gedanken und Bilder kamen Ihnen, als ich dies soeben gesagt habe?

„Streich die Vorurteile“ so ist das Motto des diesjährigen Welt-Aids-Tages. Ich meine, wir haben alle immer wieder Vorurteile. Was sind Ihre Vorurteile? Mein Wunsch wäre „Mach Dir Deine Vorurteile bewusst. Und denk noch einmal drüber nach.“ Vielleicht können wir unsere Vorurteile dann auch streichen und einander vorurteilsfrei begegnen.

Dank des medizinischen Fortschritts muss heute niemand mehr an Aids erkranken und wir HIV-Positiven können gut und lange leben. Je früher eine Infektion erkannt wird, umso besser.

Doch in Deutschland leben fast 12 000 Menschen mit HIV, ohne, dass sie von Ihrer HIV-Infektion wissen, ohne dass die Infektion diagnostiziert ist. In Thüringen sind es fast 200 Menschen. Warum lassen Menschen diesen Gedanken nicht zu? Es gab in meinem Leben Situationen, in denen war zumindest die Möglichkeit gegeben, dass ich mich mit HIV angesteckt haben könnte. Wir reden in der Aidshilfe immer wieder mit Menschen, die Angst davor haben, wie andere auf sie blicken würden, wenn sie HIV-infiziert wären, sie befürchten Schuldzuweisungen und das, was andere über sie denken und sagen würden, sie haben Angst davor ausgegrenzt und abgelehnt zu werden und natürlich sind es auch eigene Schuldgefühle, die es so schwer machen zum Test zu gehen. Aus Angst vor Ausgrenzung, aus Angst davor, mit dieser Infektion als anders, als  unanständig, als minderwertig, schuldig, abartig oder schmutzig bzw. infektiös stigmatisiert und ins Abseits gestellt zu werden, verdrängen heute immer noch viele Menschen die Möglichkeit, sich mit HIV infiziert  haben zu können und ziehen einen Test nicht in Erwägung.

Und tatsächlich immer wieder hören wir in der Aidshilfe Berichte von Menschen mit HIV, die ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Räumen wir auf in unseren Köpfen.

HIV ist kein Makel oder ein Hinweis auf ein zügelloses Leben. Auch wenn die Infektion meist beim Sex übertragen wird. Sexualität ist Teil unseres Lebens. Sexualität gehört zu uns Menschen. „Gesundheitskompetenz“ ist in Thüringen im kommenden Jahr das gesundheitspolitische Jahresthema. Ich meine, eine lustvolle Sexualität leben zu können, gehört zur Gesundheitskompetenz und zu unserem Wohlbefinden dazu.

Also es gibt keine Schuld. Und eine HIV-Infektion ist auch kein Makel. Oder ein Fehler, weil man ein Risiko eingegangen sei. Es gibt bestimmte Wahrscheinlichkeiten, sich mit HIV oder anderen sexuell übertragbaren Infektionen zu infizieren. Manche Wahrscheinlichkeiten lassen sich minimieren andere nicht. Wir als Aidshilfe wollen Ihnen sagen, dass es sich lohnt, diese zu minimieren und Ihnen Informationen geben, um gesundheitskompetent eigene Entscheidungen zu treffen.

Ich kann hier heute offen als Mensch mit HIV stehen, weil ich die klare Haltung und tiefe Überzeugung habe, ich habe nichts falsch gemacht und habe keine Schuld, ich habe gelebt und ich lebe.

Und Menschen mit HIV sind auch keine Gefahr! Im alltäglichen Zusammenleben ist das Virus sowieso nicht übertragbar. Mit der Kampagne #wissenverdoppeln wollen wir Aidshilfe das Wissen darüber verbreiten, dass Menschen mit HIV, die mit Medikamenten gegen das Virus wirksam behandelt werden, HIV auch beim Sex nicht weitergeben können. Unter dieser Therapie kann HIV sogar beim Sex ohne Kondom nicht übertragen werden.

Bereits 2008 erklärte die Schweizerische Kommission für Aidsfragen (EKAF), dass HIV unter einer erfolgreichen Therapie auch beim Sex nicht übertragbar ist. Jedoch ist 10 Jahre danach laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) diese wissenschaftlich belegte Tatsache nur 10 % der Bevölkerung bekannt. Das wollen wir ändern.

Helfen Sie uns, diese gute Nachricht zu verbreiten, erzählen Sie es weiter. Wir hoffen, dass durch dieses Wissen, Ängste abgebaut werden und Diskriminierung von Menschen mit HIV verringert werden kann. Lassen Sie sich von den Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Ehrenamtlichen der AIDS-Hilfe Weimar und Ostthüringen ein Faltblatt geben, trennen Sie es durch und geben Sie die zweite Hälfte weiter. So können auch Sie #wissenverdoppeln.

Und es gibt noch eine gute Nachricht: Laut den aktuellen epidemiologischen Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) für das Jahr 2017 nimmt die Zahl der Neuinfektionen weiterhin ab, insbesondere bei Männern, die Sex mit Männern haben. Leider ist jedoch gleichzeitig – auf niedrigem Niveau – ein Anstieg der Neuinfektionen bei Heterosexuellen zu verzeichnen. Die sinkende Anzahl der Neuinfektionen lässt sich zumindest teilweise damit erklären, dass es mehr Möglichkeiten gibt, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen. Neben der Nutzung von Kondomen bietet die Nichtübertragbarkeit von HIV bei erfolgreich therapierten Menschen mit HIV einen Schutz durch Therapie. Hinzu kommt die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) bei der mit Hilfe der regel- oder bedarfsmäßigen Einnahme eines Medikaments die Infektionswahrscheinlichkeit minimiert wird. Die durch die Politik angestrebte Finanzierung der Kosten für die PrEP über die Krankenkassen sollte schnellstmöglich umgesetzt werden, damit diese gesundheitserhaltende Maßnahme nicht nur denen möglich ist, die sie sich leisten können. Gestern meldete eine Krankenkasse, dass sie die Kosten der Präexpositionsprophylaxe schon jetzt übernimmt.

Ich sagte es bereits: Heute muss niemand mehr an Aids erkranken! Die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten erlauben es, das Fortschreiten der Infektion zu stoppen.Unter der Überschrift „Kein Aids für alle“ arbeiten wir an dem Ziel, Spätdiagnosen zu verhindern.

Der Zugang zu Therapien sollte allen Menschen möglich sein. Auch Menschen ohne Papiere. Vom Ziel, weltweit allen Menschen mit HIV die Therapie zu ermöglichen, sind wir noch weit entfernt. Auch hier ist Deutschland in der Verantwortung.

Die Hepatitis C – und das ist eine weitere gute Nachricht – ist heute heilbar. Leider mussten wir feststellen, dass in Thüringen Menschen in Haft die Hepatitis-C-Therapie verwehrt wird.

Fehlende Akzeptanz, ja sogar Intoleranz gegenüber Menschen mit HIV, schwulen Männern, drogengebrauchenden Menschen, Migrantinnen und Migranten sowie Sexarbeiterinnen und Strichern gehört leider nicht zu unserer Vergangenheit, sondern zu unserer alltäglichen Realität und nimmt leider wieder zu.

Wir rufen dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, Initiative zu zeigen und gemeinsam mit anderen zu handeln. Jede_r kann etwas tun: gegen die alten Bilder und für das Leben und die Gesundheit der Menschen, die mit HIV Leben.

Mir ist es wichtig an dieser Stelle den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sowie den Förderern der AIDS-Hilfe Weimar & Ostthüringen ganz herzlich zu danken.

Von Ihrem und Eurem Engagement, Eurer Tatkraft, Eurer Herzlichkeit und Eurem Mut lebt die AIDS-Hilfe Weimar und Ostthüringen und kann ihre wichtige Arbeit leisten.

Heute ist Welt-Aids-Tag.

Auf der ganzen Welt erinnern wir daran, dass es sich lohnt, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen. Dabei wollen wir unsere freie, selbstbestimmte und lustvolle Sexualität bewahren. Und wir denken an die, die der Infektion mit dem HI-Virus zum Opfer gefallen sind.

Wir denken an sie und wollen doch zeigen, dass es heute darum geht, mit HIV zu leben, nicht, daran zu sterben.

Ich kann leben, ich kann arbeiten, ich kann Lust und Freude haben.

Wir stellen uns die Frage, ob eine solche Gedenkveranstaltung nicht unzeitgemäß ist. Schreibt sie nicht ein Bild von HIV fort, dass sich stark verändert hat? Was meinen Sie dazu? Ich finde gut und wichtig, dass wir hier in Weimar diesen Gedenkort, den „Dreizeiler für Weimar“ haben. Und wenn wir diesen Gedenkort haben, brauchen wir da nicht auch die Zeit des Erinnerns und Gedenkens. Und eine solche Zeit soll diese Gedenkveranstaltung sein.

Das DENKRAUM-Fragment „Namen und Steine“ des Künstlers Tom Fecht, dass in Weimar in Anlehnung an die Stadt der Dichter den Titel „Dreizeiler für Weimar“ trägt, ist wie in jedem Jahr am Welt-Aids-Tag der Ort unseres Gedenkens.

Inmitten unserer Stadt, in der Fußgängerzone, mitten im Leben, sind Pflastersteine, die in ihrer Unterschiedlichkeit die Individualität und Vielfalt der Menschen symbolisieren, mit den Namen derer versehen, die mitten unter uns lebten und aus der Mitte ihres Lebens gerissen wurden, weil sie an den Folgen der HIV-Infektion oder Aids-Erkrankung starben.

Wenn ich durch Weimar gehe und hier vorbeikomme, sind sie mir präsent: Mein Lebenspartner Olaf, der hier in Thüringen die Aidshilfen aufbaute und den ich liebte. Uwe-Holger, der erste mit HIV infizierte Mensch, den ich kennen lernte und der den Mut hatte, sich bereits Ende der 80-er Jahre als HIV-positiv zu outen, obwohl ihm in der DDR sogar verboten wurde, anderen von seiner Infektion zu erzählen, und mit dem ich viel Spaß haben konnte. Oder an Winfried, der jahrelang den Weg von Eisenach nach Weimar auf sich nahm, um sich hier mit anderen HIV-positiven Menschen in der Selbsthilfegruppe „Regenbogencafé“ zu treffen und einander zu stärken.

Wir gedenken heute der Menschen, die an Aids oder den Folgen der HIV-Infektion starben. Sie waren teilweise unsere Partnerinnen und Partner, Freundinnen und Freunde, Söhne und Töchter:

Ihre Namen sind hier zu lesen:

Karl-Otto          Ralf-Peter                 Samuel              Olaf           Marcus                       Mathias   Andreas                     Mirza                 Ikarus                 Mae                   Ronald              Michael                      Hans-Georg               Andreas            Uwe-Holger     Werner                 Ralf          Melitta              Keneth              Helmut              Long           Volkmar           Winfried

 

Lasst uns dieser Menschen Gedenken und aus den Erinnerungen an Sie die Motivation ziehen, weiter zu kämpfen.

Ich lade Sie herzlich ein, sich in eigenem Gedenken eine Kerze zu nehmen und diese auf einem der Steine zu platzieren.

[Musik]

Jede Kerze zeigt, dass die Menschen, dessen Namen auf diesen Steinen zu lesen sind nicht vergessen sind. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wünsche Ihnen eine gute Adventszeit. Auf Wiedersehen.

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