MENSCH SEIN! In Verschiedenheit, gegenseitigem Respekt und Solidarität

14. August 2018 Gothe warnt vor Rechtsruck

Die Gedenkfeier für die Rosa-Winkel-Häftlinge am vergangenen Sonntag hatte bewegende und kämpferische Momente. Der Weimarer Oberbürgermeister richtete ein Grußwort an die Versammelten. Dr. Günter Grau, Historiker und Publizist, und Matthias Gothe, Vorstandsmitglied der AIDS-Hilfe Weimar und Ostthüringen, hielten die Gedenkreden.

Die Rede unseres Vorstandsmitgliedes Matthias Gothe veröffentlichen wir an dieser Stelle:

 

Sehr geehrter Herr Dr. Grau,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kleine,

liebe Anwesende,

im Glauben an eine „Nordische Herrenrasse und Leitkultur“ war es erklärtes Ziel der Nationalsozialisten, alles „Entartete“ auszumerzen. Von diesem stark biologistischen, sozial-darwinistischen und rassistischen Denken waren als eine Opfergruppe Homosexuelle betroffen. Sie galten als „Kranke“, Homosexualität als „rassenvernichtende Entartungserscheinung“. In der Ideologie des Nationalsozialismus trugen gleichgeschlechtlich liebende Menschen nicht zur Vermehrung der „Volkskraft“ bei, sondern zu einem Geburtenrückgang, und damit auch zu einer Schwächung der militärischen Schlagkraft. So wurden die Ausrottung Homosexueller zu einer „Überlebensfrage des deutschen Volkes“ definiert.

Um diese Überlebensfrage zu beantworten wurden zunächst die in der Weimarer Republik hervorgegangenen wissenschaftlichen Institutionen und Gesellschaften zerschlagen, die Homosexuellenkultur zerstört. Tief verwurzelte und weit-verbreitete Vorurteile gegenüber Homosexuellen wurden zu diesem Zweck bewusst instrumentalisiert. So spricht unserer heutiger Gedenkredner Dr. Günter Grau von der ersten umfangreichen und mit großen propagandistischen Aufwand versehenen Anti-Homosexuellen-Kampagne der Öffentlichkeit.

Diese Kampagne setzte sich in einer Verschärfung des Reichs-Straf-Gesetzbuch-Paragraphen fort, die zu einem sprunghaften Anstieg der Veruteilungen nach §175 führte. Mit der Bildung der „Reichszentrale zur Bekämpfung von Homosexualität und der Abtreibung“ wurden Homosexuelle schließlich systematisch erfasst. Pläne zur systematischen Vernichtung Homosexuelle wurden erarbeitet. Ihren bestialischen Höhepunkt fanden diese Pläne in der Inhaftierung homosexueller Männer in Konzentrationslagern sowie der Stigmatisierung mit dem Rosa-Winkel.

Ab 1937 erfolgte die Inhaftierung homosexueller Männer auch hier, im Konzentrationslager Buchwand. Etwa 650 Rosa-Winkel-Häftlinge wurden hier interniert, ausgebeutet, gefoltert, für medizinische Experimente missbraucht, gequält, ermordet. Die Anzahl in allen KZs gemeinsam wird auf 10 bis 15.000 geschätzt. Die Anzahl homosexueller Opfer insgesamt – also auch homosexueller Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Zeugen Jehovas, vermeintlich Asozialer usw. – entzieht sich der genauen Kenntnis.

Mit dem Stigma des Rosa Winkels an ihrer Jacke wurden die Männer in den Konzentrationslagern nicht nur zu den schwersten Arbeiten herangezogen. Nein, sie bildeten in der Gefangenenhierarchie auch die unterste Ebene und waren deshalb nicht nur den ständigen Schikanen der Wärter sondern auch dem Spott ihrer Mithäftlinge ausgesetzt. Gewalt und Selbstmord waren an der Tagesordnung.

Wenn wir heute den Rosa-Winkel-Häftlingen als Opfergruppe Anti-Homosexueller-Kampagnen bedenken, so dürfen und wollen wir nicht die weiteren Opfergruppen vergessen. Während die Erforschung und Dokumentation der Verfolgung homosexueller Männer dank zahlreicher Aktivist_innen und Forschenden bereits weit vorangeschritten und in das öffentliche Bewusstsein getreten ist, befindet sich dieser Prozess für homosexuelle Frauen weitgehend noch am Anfang. Beispielsweise hervorgehoben werden soll hier eine Studie zur Diskriminierung und Verfolgung weiblicher Homosexualität im jungen Bundesland Rheinland-Pfalz, durchgeführt vom Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin in Kooperation mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.

Ausgangspunkt hierfür war ein Forschungsprojekt aus dem Vorjahr, dass die erhebliche Verfolgung und Diskriminierung homosexueller Frauen aufzeigte: So konnte die Historikerin Dr. Kirsten Plötz dokumentieren, dass „Lesbische, geschiedene Mütter […] Gefahr [liefen], Unterhaltsansprüche und das Sorgerecht für die Kinder gleichermaßen einzubüßen. Manche Mutter verbarg deswegen auch ihre Lebensgefährtin. Entsprechende Entscheidungen und andere rechtliche bzw. staatliche anti-lesbische Handlungen wurden nun endlich im Ansatz erforscht. Weitere Forschung ist unbedingt nötig.“

Mit dem Projekt wird deutlich, dass sich die staatlich legitimierte Diskriminierung gerade für lesbische Frauen nicht allein auf das oft betrachtete Strafrecht beschränkt war, sondern viel breitere Verankerungen und Auswirkungen gehabt hat.

Noch sehr viel schlechter sieht es um die Aufarbeitung von Stigmatisierung und Verfolgung trans* und intergeschlechtlicher Menschen aus. Hier fehlt es noch sehr viel weitgehende an Forschung und Bewusstsein. Unser Gedenken kann daher nicht nur ein Erinnern an das Schicksal homosexueller Männer sein, sondern muss mit der Forderungen nach der Aufarbeitung ALLER Opfergruppen einschließen.

An diesem Ort besonders bestialischer und menschenverachtender Verfolgung homosexueller Menschen dürfen wir den Blick allerdings nicht allein in die Vergangenheit richten! Während ich vor einem Jahr an dieser Stelle noch vor dem weiteren Einzug von Ideologien der Ungleich-wertigkeit in unsere Parlamente warnte, hat eine Partei Einzug in den Deutschen Bundestag gefunden, deren Mitglieder erneut gesellschaftlich tief verwurzelte und weit-verbreitete Vorurteile instrumentalisiert. Im Wissen um die schrecklichen Folgen dieser Ideologie MUSS es unser gemeinsame Aufgabe sein, dem entschieden und mit allen demokratischen Mitteln entgegenzutreten.

So danken wir ausdrücklich dem Direktor der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald, Herrn Prof. Knigge, der vor wenigen Tagen den Thüringer AfD-Bundestagsabgeordneten Brandner im Rahmen eines von diesem gewünschten Treffen – an einem eindeutig konotierten Datum – mit den antidemokratischen Äußerungen seiner Parteimitglieder konfrontierte. Dabei stellte Knigge die geschichts-revisionistischen Positionen der AfD heraus und betonte, als Historiker wisse er, wie rechtspopulistische Bewegungen sich entfalten.

Doch auch außerhalb der Parlamente schreitet der Rechtsruck weiter voran. So entwickelt sich Thüringen gerade zu einem Schwerpunkt für so genannte Rechtsrock-Konzerte, in denen Botschaften des Hasses gegen Menschen verschiedener Herkünfte, verschiedenen Glaubens aber auch verschiedener sexueller Orientierungen, geschlechtlicher Identitäten und Beziehungsformen verbreitet werden. Besonders perfide hierbei: Die Ausnutzung des demokratischen Versammlungs-rechtes für anti-demokratische, neonazistische Botschaften.

Wenn wir aus dem Gedenken an die Opfer nationalsozialischer Gewalt nicht nur einen symbolischen Akt werden lassen wollen, dann müssen wir GEMEINSAM weiterhin AKTIV gegen ALLE antidemokratischen, rechtspopulistischen und neonazistischen Umtriebe aufstehen. Gemeinsam können wir so für das Motto des diesjährigen CSD Weimar, in dessen Rahmen wir auch unser heutiges Gedenken erneut veranstalten, wahr werden lassen: MENSCH SEIN! In Verschiedenheit, gegenseitigem Respekt und Solidarität. Für dieses Ziel wird auch die AIDS-Hilfe Weimar & Ostthüringen weiterhin aktiv eintreten!

Liebe Anwesende,

etwa 650 Rosa-Winkel-Häftlinge waren zwischen 1937 und 1945 im KZ Buchenwald inhaftiert – jeder Dritte von Ihnen überlebte die Qualen nicht. Mit diesem Gedenkstein und unserer Veranstaltung wollen wir die Erinnerung an sie, sowie an alle Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer geschlechtlichen Identität oder ihrer anderen Lebensweise verfolgt wurden, wach halten

Lassen Sie uns nun innehalten und STILL gedenken, der Rosa-Winkel-Häftlinge, der Männer, die litten und starben weil sie lebten, was sie waren.

Wir gedenken der LSBTIQ*-Opfer von Repression und Gewalt in Vergangenheit und Gegenwart, in Deutschland und in der Welt.

Lassen Sie uns in einer stillen Minute

Schweigen

Nachdenken

Fühlen

Trauern

Erkennen

Beten....

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